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Monday, 15. January 2018

Positionspapier des Basic Network zur Teilzeitarbeit.

Das Basic Network ist das wienweite ExpertInnenforum für außerschulische aufsuchende Jugendarbeit. Folgender Text ist das Ergebnis eines langen und intensiv geführten Diskussionsprozesses.

Seit Jahren werden Projekten der aufsuchenden Jugendarbeit MitarbeiterInnenstunden gekürzt. Vollzeitanstellungen sind vielerorts nur mehr MitarbeiterInnen mit alten Dienstverträgen vorbehalten. Der Trend geht zu Anstellungsverhältnissen, welche sich in einem Rahmen von 30 – 36 Wochenstunden und weniger bewegen. Das beeinträchtigt die Arbeit mit der Zielgruppe massiv. BasismitarbeiterInnen müssen anspruchsvoller werdende administrative und organisatorische Tätigkeiten wahrnehmen. Das Zeitbudget für Vernetzungsarbeit, Teamsitzungen und Fortbildungen muss aufrecht erhalten werden. Die Stundenreduktion betrifft deshalb ausschließlich die Beziehungsarbeit mit den Jugendlichen. Gleichzeitig erleben wir täglich, wie der Bedarf an Betreuung ständig steigt.
Gerade unsere Zielgruppen sind stark von Arbeitslosigkeit und Prekariat, sowie den damit einhergehenden psychosozialen Problemen betroffen. Kompetente sozialarbeiterische Interventionen setzen tragfähige Beziehungen zur Zielgruppe voraus. Diese sind wiederum nur durch Kontinuität zu erzielen. Dafür benötigt es entsprechender Zeitressourcen.

Beispiel: Team mit vier MitarbeiterInnen:
Bei einer Umstellung von 40 - Stunden – Anstellungen auf 35 - Stunden – Anstellungen entfallen jährlich 940 Arbeitsstunden oder 117,5 Arbeitstage.* Soll die Qualität der Arbeit in gleichem Maß gewährleistet sein, ist das nur mit einer Reduktion der Einsatzgebiete möglich. Da in der Praxis seit langem betreute Zielgebiete nicht einfach aufgegeben werden können, stellt sich die Situation so dar, dass mit weniger Zeitbudget die gleiche Arbeit bewältigt werden will.
*(Urlaub bereits inkludiert, ausgehend von 8-Stunden Tag)

Die ExpertInnen des Basic Networks weisen auf die negativen Auswirkungen dieses Trends für unsere Profession hin.

1., Die Qualität und Professionalität in der Zielgruppenarbeit ist nicht in erforderlichem Maß aufrechtzuerhalten.
- weniger Präsenz an Arbeitsorten
- weniger Zeit, um Beziehung und Nähe herstellen zu können
- weniger Zeit für Einzelfallarbeit (Beratungen/Begleitungen/Betreuungen) und Projekte

2, Die Flexibilität der Teams wird stark eingeschränkt.
Das häufige Überschreiten der Tagesarbeitszeit zwingt Teilzeitbeschäftigte regelmäßig in den Zeitausgleich. Dies führt dazu, dass KollegInnen Mehrarbeit verrichten müssen und ebenfalls die vorgegebene Wochenarbeitszeit überschreiten. Folgen dieser ständigen Mehrarbeit sind Überlastung und früh einsetzende Ermüdungs/Erschöpfungserscheinungen einzelner MitarbeiterInnen. Das führt zu Qualitätsverlust und dezimiert die Arbeitsfähigkeit der Teams
weiter.

3, Die Stundenreduktion wirkt sich negativ auf die Einkommenssituation der MitarbeiterInnen aus und macht das Berufsfeld unattraktiv.
MitarbeiterInnen der aufsuchenden Jugendarbeit – vor allem solche mit Familien – müssen von diesem Beruf ihr Leben bestreiten können. Die mit den Stundenkürzungen einhergehenden Gehaltseinbußen sind diesbezüglich kein Schritt in die richtige Richtung und ein falsches Signal an BerufseinsteigerInnen. Frauen laufen zusätzlich Gefahr, einkommensmäßig zurückgereiht zu werden. Da die Posten für Männer mitunter schwer zu besetzen sind, kommt es schon mal vor, dass ausschließlich männlichen Bewerbern Anstellungsverhältnisse mit mehr Wochenstunden und somit mehr Einkommen angeboten werden.

4, Die Aufrechterhaltung einer guten Gemeinwesenarbeit wird erschwert.
Kooperationen mit anderen Institutionen und Projekten des Zielgebiets bzw. Fachgebiets waren seit jeher Bestandteil der Wiener Jugendarbeit. Dies ist bei reduzierten Stundenbudgets nur mehr bedingt möglich.

5, Einrichtungen verlieren als Ausbildungsstätten für angehende JugendsozialarbeiterInnen an Bedeutung
Etliche Einrichtungen der aufsuchenden Jugendarbeit bilden regelmäßig PraktikantInnen/angehende JugendarbeiterInnen der Fachhochschulen für Sozialarbeit aus.
Die Sicherung der professionellen Ausbildung leidet unter Qualitätsverlusten.

6, Einschränkung von Serviceleistungen
Anfragen von Bezirken und Behörden (Ma13) bezüglich des Aufsuchens neuer Einsatzorte und des Durchführens von Projekten (Probewahlen, Word Up ….) kann nicht mehr in gleichem Maß nachgegangen werden.

Das ExpertInnenforum Basic Network schätzt die guten, personellen Rahmenbedingungen der Jugendarbeit in Wien, die sich auf Dauer bewährt haben. Das Forum plädiert daher für deren Aufrechterhaltung und spricht sich ausdrücklich für die primäre Forcierung von Vollzeitbeschäftigung aus.

26.06.2009 12:55 Alter: 9 Jahre