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Monday, 22. January 2018

Stellungnahme zum "Kleinen Glücksspiel" in Wien

Wettautomaten und Streetwork

In unserer Arbeit als StraßensozialarbeiterInnen arbeiten wir unter anderem mit jungen Erwachsenen, die sich in Wettbüros aufhalten und Automatenwetten spielen.

Ein großer Teil der uns bekannten männlichen Jugendlichen kamen bereits in Kontakt mit dem „kleinen Glücksspiel“ [1], ein Teil von ihnen gibt an mindestens einmal pro Woche zu spielen (ca. 10%) ????. Dabei verspielen sie regelmäßig mittlere bis große Summen, teilweise mehrere hundert Euro in einer Nacht. 

Jugendliche und Minderjährige

Automatencafes und Wettbüros sind besonders häufig in Wohngegenden zu finden, deren BewohnerInnen tendenziell aus bildungsfernen und sozial benachteiligten Schichten kommen. Sie wecken die Hoffnung nach hohen Gewinnen und einem besseren Leben.

 Häufig befinden sich die Wettbüros in der unmittelbaren Nähe von Parks und Plätzen, die Jugendlichen als informeller Treffpunkt dienen. Bei Schlechtwetter weichen die Cliquen oft auf Wettbüros aus.

Wettlokale und Automatencafés sind für Jugendliche aus mehreren Gründen interessant: 

  • Es besteht kein Konsumzwang, bzw. können Getränke zu einem sehr niedrigen Preis bezogen werden.
  • Wettbüros stellen einen nicht-pädagogisierten Raum für Jugendliche dar, in dem sie sich ohne Aufsicht treffen können und sich kaum mit Regeln konfrontiert sehen, wie dies in den meisten Einrichtungen der Jugendarbeit der Fall ist (z.B. Rauchverbot)
  • Sie bieten Schutz für Wind, Kälte und Regen.
  • Jugendliche werden in Wettbüros meist geduldet, im Gegensatz zu Einkaufszentren in welchen Jugendliche oftmals von Securities des Gebäudes verwiesen werden.
  • Attraktive Öffnungszeiten: Wettbüros & Automatencafes sind teilweise rund um die Uhr geöffnet.
  • Technische Ausstattung: in Wettcafes sind meist sehr hochwertige und große Bildschirme auf denen etwa Fußballspiele verfolgt werden können und genügend Platz für größere Cliquen bieten.

Diese Lokale sind jedoch ein problematischer Aufenthaltsort für Jugendliche:

  • Wettautomaten verleiten zum Spielen und begünstigen die Entwicklung von Spielsucht.
  • Sie dienen als Umschlagplatz für illegale Rauschmittel.
  • Jugendschutz wird kaum umgesetzt.

Besonders problematisch sehen wir, dass auch Minderjährige aufgrund fehlender Zugangskontrollen Geld am Automaten verspielen. Im Fall eines Gewinnes werden diese oft mit Hinweis auf ihre Minderjährigkeit nicht ausbezahlt.

Gewinne werden glorifiziert und in der Peergroup immer wieder erwähnt, während Verluste als unwesentlich abgetan werden. Dadurch wird der Mythos des „großen Glücks“ aufrecht erhalten, während in der Realität die Bilanz (Gewinn – Verlust) in der Regel eine negative ist.

Durch den frühen Kontakt mit Wettautomaten entwickeln schon Minderjährige problematisches Spielverhalten, das in einigen Fällen noch vor Erreichen der Volljährigkeit die Ausmaße von Spielsucht annimmt. Das Automatenglücksspiel stellt für 80% der Spielsüchtigen den Einstieg in ihre Sucht dar. [2]

Ein Teil der von Jugendlichen begangenen Straftaten, dient direkt oder indirekt der Finanzierung des Automatenspiels. Vor allem der Erlös aus Delikten wie „Handyraub“ und Diebstahl wird oft kurz nach dem Delikt wieder am Automaten verspielt.<psonormal></psonormal></psonormal><//psonormal>

Junge Erwachsene und Spielsucht

Um ihre Sucht zu finanzieren werden Ersparnisse aufgebraucht, Kredite aufgenommen und Schulden gemacht. Folglich können Mieten und  Strom- & Gasrechnungen nicht bezahlt werden. Kalte Wohnungen im Winter, Delogierungen, Pfändungen und rasant steigende Inkassoschulden sind einige der Folgen.

Dadurch werden Zukunftsperspektiven stark beeinträchtigt und Familien belastet. Die angespannte familiäre und finanzielle Lage, wirkt sich auch negativ auf die Kinder von betroffenen Eltern aus.

Die Möglichkeit sich wie in Casinos selbst sperren zu lassen besteht beim „kleinen Glücksspiel“ nicht. So wird es problemeinsichtigen Betroffenen erschwert sich ihrer Sucht zu entziehen.

Forderungen der BAST 

  • Mehr Freiräume für Jugendliche
    Die Popularität von Wett-/Automatencafes unter Jugendlichen ist zum Teil auf einen Mangel an Freiräumen/Treffpunkten im Stadtteil zurückzuführen. Die Funktion der Wettbüros als kostenfreie Treffpunkte lockt Jugendliche an, die potentielle neue Spieler sind. Zusätzliche Freiräume für Jugendliche mit attraktiven Öffnungszeiten (Jugendcafes, selbstverwaltete Räume, Lokale ohne Konsumzwang…) sind nötig
  • Flächendeckende Kontrollen
    Konsequente Alterskontrollen der BesucherInnen von Wett-/Automatencafes sind nötig um der Entwicklung von Spielsucht bei Minderjährigen entgegenzuwirken.
  • Abschaffung des „kleinen Glücksspiels“
    Ein Verbot des „kleinen Glücksspiels“ in Wien ist nötig um den genannten Problemen konsequent zu begegnen. In anderen Bundesländern sind solche Verbote bereits in Kraft.

 

[1] Das "Kleine Glücksspiel" ist vom Glücksspielmonopol des Bundes ausgenommen. Die Länder können damit eigenverantwortlich Spielautomaten freigeben, bei denen der Einsatz pro Spiel maximal 50 Cent betragen darf und der Gewinn pro Spiel mit 20 Euro begrenzt ist. […]Lokalaugenscheine haben ergeben, dass die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben – 50 Cent maximaler Einsatz bei 20 Euro Höchstgewinn pro Spiel – höchst fragwürdig erscheint. So war im Testbetrieb ein Verlust von 18 Euro in gestoppten 15 Sekunden (!) möglich. Auch der mögliche gesetzliche Höchstgewinn wird durch diverse Zusatzspiele verschleiert. http://wien.gruene.at/weitere_themen/artikel/lesen/6184/blaettern/6/

[2] vgl. Köberl, Prettenthaler: „Kleines Glücksspiel, großes Leid?“ Empirische Untersuchungen zu den sozialen Kosten des Glücksspiels in der Steiermark.

 

15.02.2010 00:12 Alter: 8 Jahre